Mein lieber Scholli, Respekt!

Du solltest für so viele (zumindest nach Deiner Beurteilung) mäßige bis miese Spiele am Stück so langsam eine Tapferkeitsmedaille am Band für Ausdauer und Zähigkeit bekommen.
Ich habe jetzt frisch Life is strange 2 beendet. Eine Warnung vorweg, ich spoilere jetzt ohne Ende, nur wer mitliest!
Und es gibt verdammt viel zu schreiben. Ich versuche, mich kurz zu fassen, aber ich vermute, es wird mir nicht gelingen.
Zunächst einmal: ein absolut grandioses, umwerfendes Spiel! Vollkommen anders als ich es mir vorgestellt habe.
Ich habe eine Geschichte erwartet, die an Lis 1 anknüpft, aber das tut sie ja wirklich nur am Rande und es wird eine völlig neue erzählt. Daher möchte ich auch gar nicht sagen, ob mir 1 oder 2 besser gefallen hat. Teil 1 hat damals den Überraschungsmoment des völlig Neuen auf seiner Seite gehabt und mich nicht zuletzt mit dem ergreifenden Schluss, den ich gewählt hatte, völlig überwältigt. Bei Lis 2 war ich zumindest schon einmal vorbereitet, dass es dramatisch werden würde. Und es wurde dramatisch.
Oder genauer gesagt wieder ein Wechselbad der Gefühle zwischen düster, traurig und melancholisch, ganz anders und auch irgendwie auch nicht. Zwischen Hoffen und Bangen, was der kleine Sack Daniel als nächstes wieder anstellt und was den netten Menschen im Umfeld der Beiden wieder für Unglücke passieren wird und ob man sie irgendwie abwenden kann.
Weiter möchte ich auch gar nicht zu politisch werden, davon bekommen wir ja aktuell eh mehr mit, als uns – bzw. zumindest mir lieb ist, aber Lis 2 bezieht ja eindeutig sehr stark Position und das zieht sich ja durchs ganze Spiel. Und die aktuelle Lage nicht nur in den USA zeigt, wie die Realität das Spiel eingeholt hat und relevant diese Position ist, die Dontnod bezieht.
Dann war ich überrascht, wie sehr ich offensichtlich hellseherische Fähigkeiten besessen habe, als ich meine flapsige Einschätzung gegeben habe: „Cannabispsychose, chronisch pleite und nix anbrennen lassen?“ Das habe ich ja fast punktgenau ins Schwarze getroffen, auch wenn das ja auch nur einige Teile der Handlung betrifft.
Und tatsächlich weiß ich jetzt auch, was Du meintest, als Du geschrieben hast, dass es meinen Lebenstil beleuchten würde, Sauron. Tatsächlich habe ich mich ein bisschen so in meine Jugend zurückversetzt gefühlt. So wie die Jungs in der Cannabisplantage sahen wir früher auch aus, wenn wir irgendwo gecampt haben, nur nicht so fertig und so desillusioniert, sondern eher frei und definitiv glücklicher.
Ich weiß auch gar nicht, ob es solche Arbeitscamps, wo Jugendliche im großen Stil Cannabis verarbeiten, wirklich gibt.
Ich weiß auch nicht, was für einen Arbeitsschritt sie genau gemacht haben, als sie das Grass geschnitten oder wie auch immer verarbeitet haben. Ich dachte, man pflückt nur die Blüte und das wars dann. Wohl nicht.
Und der Hang, mich kreativ in Form von Bildern ausleben zu wollen, stimmt ebenfalls überein, auch wenn „Seans“ Bilder natürlich von wesentlich besserer Qualität sind.
Ebenso erfrischend und ebenfalls unerwartet die Musik, die meinen Geschmack trifft: An „Lisztomania“ von Phoenix direkt am Anfang von Kapitel 1 habe ich positive Erinnerungen, da es damals so ziemlich die Lieblingsband wenn auch mehr von meiner Freundin als von mir war, als Phoenix ihre ersten Alben veröffentlichten. Aber deswegen habe ich sie auch zwei oder drei Mal live gesehen. Unter anderem auch ein kleines Konzert im WDR in Köln, für das man mit ein bisschen Glück nur Karten direkt beim Sender gewinnen konnte.
Zum anderen „D.A.N.C.E.“ von Justice, deren „Cross“-Album ich zu meiner Electroclash und -House-Zeit um 2007 rauf und runter gehört habe. Natürlich bei französischen Entwicklern sind beides natürlich entsprechend französische Bands.
In Kapitel 3 habe ich wie gesagt alles versemmelt, teilweise aber unverschuldet. :-) Erst habe ich mir freiwillig dieses bescheuerte Tattoo in der Qualität einer Kinderzeichnung eines Fünfjährigen von der süßen Gitarrenspielerin machen lassen, mit dem ich dann für den Rest des Spiels rumlaufen musste und dann habe ich es geschafft, sie im letzten Moment zu verprellen, obwohl sie ja wirklich mehr als eindeutige Signale gegeben hatte, indem sie vor mir nackt in den See gesprungen ist. Das muss man auch erst einmal schaffen.

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Zu guter Letzt habe ich mich auch freiwillig bereit erklärt, den Plantagenbesitzer auszurauben, weil ich an dem Abend wohl wagemutig drauf gewesen sein muss oder wer weiß, was mich geritten hat. :-) Dass ich dann alle Sicherheitskameras ignoriert habe, lag aber dann eher daran, dass das Spiel wegen meines Uralt-Rechners völlig in die Knie gegangen ist, da die Abbildungen der vielen Pflanzen offensichtlich meine Grafikkarte überfordert haben. :-)
Den einzigen Schwachpunkt, den ich feststellen konnte, war für mich als Linkshänder manche Teile der Steuerung. Ich habe die Tasten extra von WASD auf die Pfeiltasten rechts gelegt. Und wenn es dann schnell gehen musste, bekam ich dann winzig klein irgendwelche Buchstaben angezeigt, die ich dann oben links drücken sollte. Zusammen mit der ruckelnden Grafikkarte hat das dafür gesorgt, dass ich bei den Teilen völlig versagt habe. Aber zum Glück gab es ja nur wenige Teile, in denen Geschick gefragt war.
Aber das war nur ein Tropfen Wasser im sonst herrlichen Wein. Jetzt ist es vorbei und ich muss gleich erst einmal ein Spiel finden, welches ansatzweise mithalten kann. Entweder spiele ich noch was von Dontnod oder etwas in allen Belangen diametral völlig Entgegenstehendes.